Was ist „Halatafl“?

Fuchs auf Quadraten

Die Frage „Was ist Halatafl“? und die teilweise bizarren Assoziationen von Literaturwissenschaftler*innen (inklusive mir selbst) zu diesem Spiel aus der Wikingerzeit − zu guter Letzt aber auch die richtige Antwort! Und eine interessante Brettspielszene aus einem mittelalterlichen Text.

Beim Blättern im Altnordisch-Wörterbuch bin ich über den Eintrag „halatafl“ gestolpert. Erst dachte ich, ich hätte mich verlesen und es sei die Rede von Hnefatafl (auch Hneftafl und Hnettafl geschrieben), hatte ich aber nicht. hali ist der Schwanz eines Tiers, tafl heißt Brettspiel, also ist hier die Rede von einem Schwanz-Brettspiel? Was soll das sein? Domino, wo die Spielsteine eine Art Schlange bilden? Und zack hat die Spiele-Datenbank in meinem hyperaktiven Gehirn einen weiteren Eintrag:

Brettspiel mit Dominosteinen und Schlange
Brettspiel mit Dominosteinen und Schlange, ohne Bezug zur Realität und ohne historischen Hintergrund

Recherchen in verschiedenen anderen Wörterbüchern brachten zunächst mehr Unklarheit: Zoëga (1) legt sich gar nicht fest und schreibt nur:

hala-tafl, n. a kind of game.

Erst mal ganz gut: Wenn man wenig sagt, erzählt man auch wenig Unsinn. Das isländisch-dänische Wörterbuch von Sigfús Blöndal (2) meint, Halatafl sei dasselbe wie Hneftafl.

Cleasby und Vigfússon (3) gehen einen Schritt weiter. Der Begriff sei synonym mit Hneftafl, und es handele sich wahrscheinlich um eine Variante des englischen Fox and Goose. Mithilfe dieser Annahme erklären sie auch die Fundstelle in der Literatur, auf die sie sich beziehen:

n. a kind of game, (…) hann tefldi hnet-tafl, þat var stórt hala-tafl (having a fox with a big tail), hann greip þá upp töfluna ok setti halann á kinnbein Þorbirni (prob. of the brick representing the fox).

Zum Zitat kommen wir gleich noch.

Sie deuten halatafl also als einen speziellen Typ von Hnefatafl, und zwar dahingehend, dass ein halatafl eine Fuchs-Spielfigur mit großem Schwanz gehabt habe.

Also ungefähr so:

Hölzerne Spielfigur in der Form eines Fuchses
Hölzerne Spielfigur in der Form eines Fuchses

Auch keine viel wildere Annahme als eine Domino-Schlange, gebe ich zu.

Aber bevor ich mir noch Gedanken darüber machen konnte, warum man bei Ausgrabungen in Skandinavien (zumindest soweit ich weiß) keine Domino-Steine gefunden hat, habe ich die Quelle für das Zitat herausgesucht. (Und alle Domino-Spekulationen waren hinfällig. Niedliche Füchse waren auch vom Tisch. Dafür ist jetzt Blut im Spiel.) Es ist die Saga von Grettir dem Starken, und die Spielfigur wird hier, ähm…, nicht ganz bestimmungsgemäß gebraucht.

Handschriftliche Annotation zur Saga von Grettir dem Starken, in der der Begriff „halatafl“ erklärt wird
Handschriftliche Annotation zur Saga von Grettir dem Starken, in der der Begriff „halatafl“ erklärt wird. Quelle: ONP (6) Übersetzt steht hier: Halatafl nannte man es, wenn ein schmaler Zapfen (hali) an der Unterseite der Spielsteine war, den man in Löcher im Spielbrett stecken konnte, sodass das Spielbrett nicht so leicht durcheinander geriet.

Die Handelnden in der folgenden Szene sind Þorbjörn Öngull und seine Stiefmutter, deren Name nicht erwähnt wird. (Cleasby/Vigfússon haben das übersehen und aus der Stiefmutter einen Mann gemacht.) Im folgenden meine Übersetzung der Sagaszene (isl. Text hier: 5):

Eines Tages saß Þorbjörn Öngull am Spielbrett, da ging seine Stiefmutter an ihm vorbei und sah, dass er Hnettafl spielte; es war ein großes Halatafl. Sie fand, er habe sich schlecht gewaschen, und sprach ihn darauf an. Seine Antwort bestand aus Schimpfworten. Da zog sie eine Spielfigur heraus und schlug mit der Spitze davon auf Þorbjörns Jochbein, und die Figur glitt ins Auge ab, sodass der Augapfel auf die Wange herabfiel.

Wozu braucht man nun Spielfiguren, die man stecken kann, außer als gefährliche Erziehungshilfe?

Damit sie sicherer auf dem Spielbrett stehen. Nicht nur auf hoher See in einem offenen Drachenschiff, wie ich es mir sogleich vorstellte… da haben wir sie wieder, die wilden Assoziationen — sondern vor allem auch im Alltag. Das ist der Lebensweise der Menschen zur Sagazeit geschuldet: Sie lebten zu viel mehr Menschen auf weitaus engerem Raum als wir das heute tun. Tische, wie wir sie im Wohnzimmer stehen haben, oder gar Tafeln gab es kaum. Dafür war das Holz in Island viel zu wertvoll. Bänke und Klapptische und vor allem Schlafkojen waren häufige Möbel. Nun stellt man sich einen überfüllten Gemeinschaftsraum vor, in dem gegessen, geschlafen und vor allem auch (hand)gearbeitet wird, in dem Kinder und Hunde durcheinander purzeln und in dem jeder, der etwas anderes tun möchte, sich auf eine schmale Sitzgelegenheit zurückziehen muss. Da finde ich den Pinöppel (ich glaube, das ist das Fachwort) unten an der Spielfigur sehr praktisch!

Wie das aussehen kann, zeigt ein Foto aus dem Historisch-Archäologischen Museum in Elblag, über das ich keine weiteren Informationen habe als dass die Spielfiguren aus einem Fund in Truso, einer Hafenstadt an der Ostsee zur Wikingerzeit, stammen. Ob das Brett ein museumspädagogisch motivierter Nachbau ist, weiß ich nicht, nehme es aber an.

Ein Spielbrett aus 11×11 Quadraten und einer für Tafl-Spiele typischen Anordnung gleichförmiger, aber verschiedenfarbiger Spielfiguren. Zwar können wir den hali nicht sehen, wohl aber die Löcher, in die er gesteckt wird. Bild: CC BY https://muzeum.elblag.pl/

tl, dr: Halatafl bezeichnet kein spezielles Brettspiel, sondern eine spezielle Machart eines Brettspiels, häufig wahrscheinlich Hnefatafl. Nicht auszuschließen, dass auch „Fuchs und Gänse”-Varianten in der Wikingerzeit mit steckbaren Figuren gespielt wurden − die Behauptung jedoch, es handele sich bei Halatafl immer um „Fuchs und Gänse” ist genauso falsch wie die Behauptung, die Saga von Grettir dem Starken belege die Existenz von „Fuchs und Gänse” im 11. Jahrhundert.

Quellenangaben:

  1. Zoëga
  2. Eintrag „halatafl“ im Wörterbuch von Sigfús Blöndal
  3. „hali“ in der Digitalausgabe von Cleasby/Vigfússon
  4. Walter Baetke: Wörterbuch zur altnordischen Prosaliteratur, (digital: Vollständiges Faksimile der 1. Auflage [Berlin 1965-1968] zusammen mit … der zweiten, durchgesehenen Auflage [Darmstadt 1976] samt Korrekturen), S. 228
  5. Grettis saga sterka, Digital-Ausgabe auf sagadb.org, Kap. 70. https://www.sagadb.org/grettis_saga.is
  6. ONP: https://onp.ku.dk/onp/onp.php?c240401
Maike
Über Maike 35 Artikel
Schreibt, zeichnet, fotografiert und programmiert alles hier auf www.lanoki.de. Viele der Brett- und Computerspiele, die sie gerne spielen würde, gibt es noch nicht, deswegen designt sie sie selbst. Hat zwei tolle Ponys, die mit ihr durchs Feuer gehen (aber nicht über blaue Plastikplanen.)

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